Erinnerungen an Romulus, Kapitel 2
Prätorianergarden
Fünf Wochen später:
Vor dem romulanischen Senat marschierten die Soldaten in Ehrenformationen vorbei. Auf dem Balkon des Senats stand der Imperator mit erhobener Hand und grüßte seine Offiziere, während sie ihre Einheiten vorführten. Alle Infanterieformationen versammelten sich danach auf dem Hauptplatz, der von den Bürgern des Reichs umringt war.
Nun trat der Senat zusammen und salutierte vor den glorreichen Kriegern. Für die Gefallenen wurde ein Salut abgeschossen bevor der Imperator zu einer kurzen Rede ansetzte.
Kabal stand in der sechsten Reihe des Artilleriekontingentes Neun und konnte sich deshalb unbemerkt auf seinen Nachbarn stützen und dösen. Dieser tat mit ihm dasselbe, sodass sie sich gegenseitig oben hielten. Die Reden des Imperators waren immer ausschweifend und langweilig. Außerdem bedeuteten kurze Reden einen Monolog von mehreren Stunden.
Interessant wurde es erst als die Priester das große Opfer für die Gefallen vorbrachten und dabei den Ehrenmedaillen für besondere Taten im Kampf präsentierten. Viele würden jetzt postum verbrannt werden um die Gefallenen im Leben danach zu erreichen. Doch ein gutes Dutzend würde an noch lebende Legionäre verliehen werden.
Der Imperator setzte mit dem zweiten Teil seiner Rede an als schon zwei Prätorianer seiner Leibgarde begannen durch die Reihen der Legionäre zu gehen und die Soldaten rausfischten, die eine Medaille erhalten sollten.
Als sie zum neunten Artilleriekontingent kamen, flog der Blick des Hauptmanns wachsam durch die Gesichter. Dann zeigte er stumm auf Kabal und ging zur zehnten Infanterie weiter. Der neue Zenturio von Kabals Einheit nickte und winkte seinen Untergebenen heraus.
„Die Waffen ablegen. Und bringen Sie die Uniform in Ordnung. Sie sehen ja aus wie ein grüner Rekrut, nicht wie ein Held vom Romulus“, zischte der Offizier und richtete seinen Blick dann wieder starr nach vorne.
Kabal gab seinen Disruptor und das Schwert einem Feldwebel, der zur Garde gehörte, und strich dann seine Jacke glatt. Da bemerkte er, dass sein Stiefel nicht richtig geschnürt war und ging auf die Knie.
„Die Helden der Republik sollen vortreten!“ rief in diesem Moment der Hauptmann der Prätorianergarde. Erschrocken sprang Kabal hoch und schloss sich der Formation der Helden an, die nun in Richtung des Senats schritten. Zwei Mal geriet er aus dem Schritt weil sein Nachbar ihm auf die offenen Schnürsenkel stieg.
Schließlich traten sie hintereinander an. Der Imperator hob unter großem Applaus des Pöbels die erste Medaille hoch und steckte sie einem Zenturio des ersten Infanteriekontingents an die Brust. Der Soldat salutierte, machte eine Kehrtwendung und ging zurück zu seiner Einheit. Es folgte ein Dekurio der dritten Artillerie.
Schnell ging Kabal auf die Knie und begann seinen Stiefel zu schnüren. Als er fertig war, richtete er sich auf und sah bei seinem Vordermann eine Granate am Gürtel stecken. Der Stift fehlte und der rote Zünder blinkte bedrohlich.
„Kamerad, Sie haben vergessen eine Granate abzugeben“, flüsterte Kabal.
„Ich an deiner Stelle würde zurückbleiben, Kamerad“, antwortete der Soldat und griff an seinen Gürtel. Ein Finger legte sich auf den Auslöser.
Da bemerkte Kabal, dass nur noch zwei Legionäre vor ihnen waren. Der vollständig anwesende Senat stand sehr nahe um den Imperator herum. Doch bei einem schnell Blick über die Senatoren fiel ihm auf, dass eine Familie nicht vertreten war. Durch kein Mitglied das Familie. Das Ganze stank eindeutig nach Putsch.
„Er hat eine Bombe!“ schrie Kabal deshalb und stieß den Attentäter zur Seite. Sofort warfen sich mehrere Prätorianer auf Kabal und den anderen Legionär. Ein Gardist drehte Kabal den Arm auf den Rücken und drückte ihm mit der anderen Hand das Gesicht in den Staub.
„Nicht mich, der andere“, stöhnte Kabal und schluckte Staub, sodass er husten musste. Da erschütterte die Detonation den Boden und Kabal war frei. Doch er konnte nichts sehen und seine Ohren dröhnten. Rund um ihn herrschte wahrscheinlich Panik.
Langsam hob sich der graue Schleier vor seinen Augen und er sah Legionäre, Prätorianer, Priester und Heiler wie aufgescheuchte Hennen durcheinanderlaufen. Viele waren blutüberströmt oder noch schlimmer verletzt.
Doch vom Imperator oder den Senatoren war nichts zu sehen. Sie waren wohl schon in Sicherheit.
Kabal richtete sich auf und bestätigte seine Vermutung. Dann verließ ihn die Kraft und er fiel bewusstlos zu Boden.
Als er wieder zu sich kam lag er in einem Krankenhaus. Es war ein Krankenhaus, denn die Wände waren grün gestrichen und flatterten nicht wie bei einem Feldlazarett.
Langsam und vorsichtig sah Kabal sich um und machte sich mit der Umgebung vertraut. Nur ein Fluchtweg, aber er war allein. Die Instinkte des Soldaten gingen mit ihm durch.
Anscheinend hatte er ein Einzelzimmer und war nicht an irgendwelche Geräte angeschlossen. Also war er nicht lebensbedrohlich verletzt. Das würde eine Flucht erleichtern. Schon wieder der Instinkt des Soldaten.
Seine Liege protestierte piepend als er sich weiter aufrichtete. Das regelmäßige Schlagen der Maschine, die seinen Herzschlag angezeigt hatte, nahm zu.
Sofort öffnete sich eine braune Tür und eine Krankenschwester kam herein. „Dekurio, bleiben Sie gefälligst liegen!“ protestierte sie.
„Dekurio? Da muss ein Missverständnis vorliegen.“
Ein Mann in Uniform betrat den Raum und schob die Schwester zur Seite. „Lassen Sie uns einen Moment allein.“
Dann trat er an das Bett von Kabal und lächelte. „Dekurio Kabal. Das hört sich doch besser an als Legionär zweiter Klasse, oder?“
„Ich bin noch etwas verwirrt“, gab Kabal zu, „wer sind Sie?“
„Ich bin der Hauptmann der Prätorianergarde. Ab sofort Ihr Hauptmann, Dekurio.“
„Wie denn das? Hauptmann.“
„Der Imperator war von Ihrem Einsatz sehr beeindruckt. Wir haben durch die Explosion vier Prätorianer verloren, und zwei liegen noch mehr tot als lebendig hier. Doch der Imperator will keine Zeit verlieren und hat die Verluste sofort ersetzt. Es war sein Befehl, der Sie hier her brachte. Denn ein Prätorianer wird bestimmt nicht in einem miefigen, windigen Feldlazarett vor der Stadt behandelt.“
„Dann gab es noch mehr Anschläge?“
„Viel mehr. Eine Patrizierfamilie hat einen Putsch versucht, ohne das Militär oder den Senat auf ihre Seite zu ziehen. Das Ergebnis war natürlich ein Reinfall für sie. Niemand übernimmt die Macht ohne die Armee oder den Senat auf seiner Seite zu haben. Die ganze Familie wird übermorgen auf dem Senatsplatz gehängt. Und die, die zu jung sind zu verstehen was ihre Eltern und Verwandten gemacht haben, werden unser die Aufsicht des Verwesers unserer neuen Kolonie von Remus gestellt.“
„Sie werden also versklavt und in den Minen sterben“, antwortete Kabal knurrig.
„Der Imperator hat diese Entscheidung getroffen. Ich rate Ihnen seine Entscheidungen niemals anzuzweifeln, Dekurio“, fuhr der Hauptmann Kabal an, „morgen melden Sie sich in der Kaserne. Wegtreten.“
Kabal zuckte mit den Schultern. „Entschuldigen Sie, dass ich die Hacken nicht zusammenschlage, Hauptmann. Aber ich bin noch an dieses Bett gefunden.“
Kabal hinkte noch leicht, als er am nächsten Tag die Kaserne betrat. Sein Trommelfell war bei der Explosion gerissen und wieder zusammengeflickt geworden. Deshalb hatte er noch ein bisschen Probleme mit dem Gleichgewicht.
Vor der Kaserne war eine Einheit der Prätorianer zum Morgenlauf angetreten. Ein Zenturio brüllte Befehle. Als er sah wie Kabal das Gebäude betreten wollte, ließ er seine Leute wegtreten. „Wo wollen wir denn hin?“
„Na, da rein“, antwortete Kabal und stellte seine Sachen ab um Haltung anzunehmen. Der Zenturio nickte. „Sie haben die Bombe entdeckt, nicht wahr?“
Kabal bejahte. „Ich bitte weitermachen zu dürfen.“
„Natürlich, Dekurio. Das war gute Arbeit. Weitermachen.“
Kabal nahm seine Sachen wieder auf und öffnete die Tür. Gerade als er sie schließen wollte, sagte der Zenturio noch etwas. „Legen Sie sich nicht mit dem Hauptmann an. Er ist von der ganz alten Schule. Melden Sie sich beim Quartiermeister. Er wird Sie einweisen.“
Der Quartiermeister war ein weißhaariger Legionär, der nur noch dank eines Stocks gehen konnte. Er war freundlich und zuvorkommend, ließ Kabal aber sofort spüren, dass er hier das Heft in der Hand hatte, egal welcher Rang etwas von ihm wollte.
Er gab Kabal seine Ausrüstung, nahm die Unterschrift entgegen und führte ihn dann zu Kabals Unterkunft. Es war eine kleine Kammer am Kopf eines Schlafsaals, der im Moment noch unbesetzt war.
„Die Reihen werden diese Woche noch aufgefüllt. Es gab einige Verluste, ich schreibe seit Tagen nur Totenscheine und Ausrüstung um. Wie in alten Zeiten.“
„Das gab es öfter?“ fragte Kabal überrascht. Der Quartiermeister stieß einen kurzen Lacher aus. „Jeder Imperator, selbst jede neue Regierung schreibt die Geschichte neu. Sie würden nicht glauben wie oft das geschieht, Dekurio. Oft bekommt das Volk gar nicht mit was hier läuft. Ich gebe Ihnen nur einen Rat. Binden Sie sich nie politisch, denn sonst wachen Sie eines Morgens mit durchschnittener Kehle auf.“
„Sie sind anscheinend schon länger hier, Legionär“, sagte Kabal um abzulenken.
„Weil ich politisch nicht interessiert bin. Ich mache das Bett für jeden, solange ich meine Arbeit machen kann. Sorgen Sie dafür, dass ich Ihr Bett nie neu beziehen muss, und wir werden Freunde. Ansonsten freut es mich Sie kennengelernt zu haben.“
Der Quartiermeister wollte gehen als eine Tür knallte. Zackige Schritte kamen näher und eine weitere Tür knallte. Der Hauptmann betrat den Schlafraum.
„Was ist denn das für ein Saustall? Hier sollen in einer Stunde Prätorianer einrücken!“
„Ich habe schon alles vorbereitet“, antwortete der Quartiermeister und nahm ebenso wie Kabal Haltung an.
„Dann soll Ihnen der Dekurio zur Hand gehen und die Betten der höheren Ränge fertigmachen. Einige haben lange Reisen hinter sich!“
„Sofort“, sagte der Quartiermeister kleinlaut und ging weg.
„Dekurio Kabal, auf ein Wort!“ rief der Hauptmann der Prätorianer und deutete auf die Tür. Stumm folgte Kabal ihm.
„Ich war gestern etwas hart zu Ihnen“, begann der Offizier und bot Kabal Schnupftabak an. Der Dekurio lehnte freundlich ab. „Aber erwarten Sie nicht, dass ich mich entschuldige. Das ist ein Zeichen von Schwäche, und Schwäche duldet der Imperator nicht!“
„Ich weiß. Ich habe ihn gesehen. Und oft im Rundfunk gehört. Er ist ein guter Mann, verfährt jedoch manchmal zu hart mit seinen Feinden.“
„Mit den Feinden kann man nie hart genug sein. Wenn er diese Verräter heute nicht alle hängt, versucht morgen jemand anderer ihn zu töten. Und das bedeutet, dass auch einige dem Imperator treue Prätorianer sterben müssen! Doch es ist mein Auftrag das Leben des Imperators zu schützen, und das meiner Männer. In dieser Reihenfolge.“
„Jawohl. Ich werde Ihnen gute Leute ausbilden“, antwortete Kabal leise.
„Nein, werden Sie nicht. Es gibt eine Änderung im Plan.“
„Was?“
„Sie werden zur Leibwache des Imperators versetzt. Er hält viel auf seinen Retter. Hoffentlich nicht zu viel. Sie werden morgen früh abgeholt und zum Raumhafen gebracht. Der Imperator wird in die südliche Provinz fliegen, und Sie werden persönlich für sein Leben verantwortlich sein. Ist das klar?“
„Ja, sonnenklar“, antwortete Kabal zögernd. Er wusste nicht ob er fröhlich oder ängstlich sein sollte.
„Ich werde auch da sein und Sie beobachten. Entweder Sie bringen es weit, oder Sie enden so wie der Quartiermeister!“
„Er ist doch freiwillig hier?“ fragte Kabal. Doch der Hauptmann schüttelte den Kopf. „Vor zwanzig Jahren saß er auf dem Thron, doch dann wurde er gestürzt. Der neue Imperator schonte sein Leben und schickte ihn hier her. Hier wurde er vergessen.“





