Erinnerungen an Romulus, Kapitel 5
Der Imperator des Schreckens
Die nächsten Tage vergingen so schnell und waren so überladen mit Aufgaben, dass Kabal kaum merkte, wie sie an ihm vorbeizogen.
Zuerst wurden sie in eine Kaserne gebracht und man ließ sie dort antreten. Fünf Offiziere des inzwischen gegründeten Komitees zur Loyalitätsüberwachung durchsuchten sofort die Sachen aller ehemaligen Prätorianer und nahmen alle Bücher, Schriftstücke und Briefe an sich. Danach ließ man die Soldaten in ihre Unterkünfte abtreten. Doch dort fanden sie weder Matratzen noch Betten vor. Nur wacklige, eindeutig sehr alte Schränke, die zu allem Überfluss nicht verschließbar waren, und viel Schimmel.
Die Unterkunft, die für eine Legion gedacht wäre, war nun natürlich komplett überbelegt und bald kam es zu kleinen Streitereien um die trockenen Ecken. Schlimmer wurde der Streit noch, als es am Abend zu regnen begann und es bald überall durch die Decke tropfte. Somit wurden die trockenen Plätze noch rarer.
Natürlich rissen die ehemaligen Offiziere sich diese Plätze unter den Nagel, die Dekurios besorgten sich einigermaßen trockene Fleckchen. Nur Kabal blieb als einziger Offizier unter den normalen Legionären und legte sich mit ihnen zusammen auf den nassen, harten Boden. Von seinen Sachen war fast am wenigsten übriggeblieben. Nur ein paar Stücke ziviler Bekleidung, ein kleines Ornament aus Kupfer, das er in Socken eingewickelt gehabt hatte, und eine leere Patronenhülse, die er als Spardose genutzt hatte. Nun war sie zwar leer, aber er hatte sie noch. Seine Auszeichnungen waren jedoch allesamt verschwunden.
Als er dann in der Nacht schlotternd und mit verstopfter Nase aufwachte, teilte einer der Legionäre seine Decke. „Du bist wenigstens bei uns geblieben und hast uns nicht so verraten wie die anderen Offiziere“, flüsterte der Legionär und blickte böse an das andere Ende des Schlafsaals, wo die Offiziere Kleidung, die sie Legionären abgenommen hatten, verbrannten um sich an einem kleinen Feuer zu wärmen.
„Ich würde sagen, wir sollten sie verprügeln“, flüsterte ein anderer Legionär, „doch sie haben ihre Schwerter noch. Und wir haben nur was wir am Leib haben.“
Am Morgen stürmten zwei der Offiziere des Komitees durch die Reihen der Legionäre und nahmen die Namen und Ränge auf. Danach verschwanden sie für ein paar Stunden. Viele Legionäre schlotterten inzwischen oder waren bereits erkältet, als sie zum letzten Mal zusammen im strömenden Regen antreten mussten.
„Wir haben nun eine Entscheidung gefällt. Da ihr euch entschieden habt, dem neuen Imperator den Eid zu schwören, werdet ihr leben. Doch um euch zu zeigen was mit denen passiert, die sich nicht fügen, werden wir in einer Stunde einen Ausflug zum Galgenplatz machen! Ihr habt also eine Stunde um euch zu waschen und eure Uniformen flott zu bekommen. Doch es gibt nur begrenzt warmes Wasser! Abtreten zur Körperpflege, in einer Stunde wieder vollzählig antreten! Keine Fragen!“
Murrend machten sich die Soldaten auf zum Waschraum. Natürlich drängten sich die Offiziere sofort wieder vor, um das warme Wasser für sich zu beschlagnahmen. Doch nun eskalierte die Situation. Die Legionäre begannen auf die Offiziere einzuprügeln, sodass eine Massenschlägerei ausbrach. Die Offiziere waren durch die Masse der Legionäre bald überwältigt, doch sofort begannen sie auch auf einander einzuschlagen.
Bis die Wachen kamen und zuerst mit Schlagstöcken versuchten für Ruhe zu sorgen. Kabal hatte im Kampf einen Schlag auf die Nase bekommen und zog sich deshalb aus dem Kampf zurück. Doch die anderen prügelten munter weiter.
Die Wachen zogen ihre Disruptoren und feuerten in die Menge. Gut ein Dutzend der Kämpfenden sanken getroffen zusammen. „Jetzt herrscht hier Ordnung!“ fauchte der Zenturio der Wache. „Antreten in Zweierreihe, Offiziere zu ihren Einheiten!“
Schnell formierten sich die nun eingeschüchterten Soldaten, nur die Getroffenen blieben liegen.
„Die erste Einheit bringt die Toten und Verwundeten weg!“ befahl der Zenturio dann weiter. „Die zweite Einheit tritt zur Körperpflege ein. Ihr habt genau fünf Minuten. Ich erwarte, dass alle sauber wieder hier rauskommen! Die dritte Einheit wartet hier.“
Kabal kam mit der dritten Einheit zum Waschen. Das Wasser war hier noch lauwarm, doch wurde schnell kälter. Da der Zenturio seiner Einheit bei der Schießerei getroffen worden war, hatte Kabal das Sagen und befahl seinen Leuten darauf zu achten, dass ihre Kameraden aus der ersten Einheit auch noch ein bisschen von dem warmen Wasser bekommen würden.
Überhaupt mit etwas anderem als dem eiskalten Wasser, das es draußen regnete, in Kontakt zu kommen, war eine richtige Wohltat. Nach ihren fünf Minuten trat der Rest der dritten Einheit draußen wieder an.
Als alle mit dem Waschen fertig waren, wurden sie zurück in die Unterkunft geschickt um ihre Uniformen in Ordnung zu bringen.
Dort angekommen mussten sie feststellen, dass nun alle ihre Sachen verschwunden waren. Dafür lag in jedem Schrank eine ganz neue Uniform nach einem komplett anderen Design. Statt des Stachelgürtels der alten Uniformen hatten diese glatte Ledergürtel. Und die Stiefel waren nicht mehr schwarz sondern dunkelbraun. Die Uniformjacken trugen auch schon die Einheitsabzeichen. Wie die Legionäre feststellten, war jede Einheit nur einmal vertreten. Also würden sie alle über alle Einheiten verteilt werden. Die alte Prätorianergarde würde in alle Winde zerstreut sein, ab dem Moment an dem sie ihre Uniform anlegen würden.
Doch sie hatten keine Wahl, denn es marschierten bereits wieder Offiziere des Komitees durch die Unterkunft und sahen sich stumm, aber sehr aufmerksam, um. Deshalb wurde wohl auch wenig gesprochen.
Schließlich konnten sie in ihren neuen Uniformen draußen antreten. Der Regen hatte sich inzwischen gelegt.
„Meine Stiefel drücken“, jammerte ein Legionär neben Kabal. Der Dekurio versetzte ihm einen Stoß mit dem Ellbogen und wies ihm an, still zu sein.
Dann kamen auch schon die Offiziere des Komitees mit einem Transporter angefahren. „Alle Mann herhören“, erklärte der ranghöchste, „jetzt sitzen alle auf. Nach dem kleinen Ausflug fahren wir zum Raumbahnhof und alle werden von dort zu ihren Einheiten gebracht. Ab jetzt wird nicht mehr gesprochen. Der Imperator wird nämlich ebenfalls anwesend sein. Ihr wollt doch wie disziplinierte Soldaten auf ihn wirken, nicht dass er bereut euch verschont zu haben!“
Stumm saßen die ehemaligen Prätorianer auf. Dann fuhr der Transporter an.
Heute standen mehr Galgen auf dem Galgenplatz vor dem Senat als noch ein paar Tage zuvor. Jedoch waren keine Zivilisten anwesend, weil der Imperator eine Ausgangssperre verhängt hatte. Selbst die Verkaufsstände des Markts an der Längsseite der Raumschiffsfabrik waren entfernt worden.
Die Legionäre würden in Formation aufgestellt, dann trat der Imperator vor und grüßte die Soldaten hochnäsig. „Meine braven Soldaten. Um euch zu motivieren, zeige ich euch nun was mit denen geschehen wird, die mich verraten wollen. Wie meine Vorgänger.“
„Hochmut kommt vor dem Fall, Schweinehund“, flüsterte der Legionär, der neben Kabal stand. Es war derselbe, der sich schon über seine Stiefel beschwert hatte. Kaum waren seine Worte verklungen, wurde er schon von zwei Offizieren des Komitees gepackt und weggebracht. Der Imperator sprach weiter von dem Wohlstand, den er bringen würde, nachdem er die faulen Geschwüre aus dem System geschnitten hätte. Kabal hörte nicht zu, er verfolgte nur, wie der Reihe nach neun weitere Soldaten vom Komitee weggebracht wurden.
„…und schließlich sollen die gewarnt sein, die nicht die Wahrheit sprechen, wenn sie mir die Treue schwören. Wir werden alle schlagen, die sich uns in den Weg stellen. Egal ob von innen oder außen! Führt nun die Hinzurichtenden vor!“
Unter der Aufsicht einer militärischen Einheit ohne irgendwelche Abzeichen wurden zuerst die zehn Soldaten vorgeführt, die während der Rede des Imperators aufgefallen waren. Man stellte sie vor der Mauer des Raumschiffswerks nebeneinander auf.
„Im Namen der Republik werden diese Verräter dem hohen Gericht der Götter überstellt werden. Mögen sie ihren Seelen gnädig sein. Anlegen - Zielen - Feuer!“
Die Soldaten hatten während der Rede bereits ihre Disruptoren gezogen, sie dann gehoben und gleichzeitig gefeuert. Alle Getroffenen sanken mit einer Verbrennung in der Brust zusammen.
„Und nun zu denen, die mir nicht die Treue schwören wollten und sich zusammenrotteten um meinen Umsturz zu planen. Dieser HOCHVERRAT wird durch Hängen bestraft.“
Nun wurden, wie bereits absehbar, alle Prätorianer vorgeführt, die die Gelegenheit, sich auf die Seite des Neuen zu stellen, hatten verstreichen lassen. Aus ihrer Körperhaltung und ihrer Kleidung schloss Kabal, dass sie gefoltert worden waren bevor man sie zum Tode verurteilte. Wobei er auch anzweifelte ob ein Gericht überhaupt darüber entschieden hatte, oder nur dieses Monster auf dem Thron.
Alle wurden zu den Galgen geführt und die Henker legten ihnen die Stricke ums Genick. Da erkannte Kabal seinen Hauptmann. Sein Auge war zugeschwollen und irgendwie wirkte sein Kiefer verbogen. Als einziger der Zuhängenden blickte er nicht traurig in die Menge, sondern starr nach vorne.
„Ein Tod ist nicht genug für einen dieser Männer. Denn mit diesem Dolch“, der Imperator präsentierte eine Waffe, „beendete dieser Mann vorzeitig das Leben des Nachfolgers unseres geliebten Regenten, der vor knapp zwei Wochen erhängt wurde, nachdem er nur der Gerechtigkeit Genüge tun wollte, indem er die Familie, die ihn bereits zuvor ermorden wollte, hängen ließ. Deshalb verurteile ich den ehemaligen Hauptmann der alten Prätorianergarde nicht nur zum Tod durch Hängen, sondern zum Tod durch langsames Erhängen. Ihm soll nicht die Gnade zu Teil werden eventuell durch einen Genickbruch schnell zu sterben. Nein, er soll ersticken.“
Die Henker legten die Hebel der Galgen um und die Opfer sackten nach unten. Nur der Hauptmann glitt langsam hinab bis seine Beine in der Luft baumelten. Sein Gesicht verzerrte sich, doch Kabal wandte seinen Blick ab.
Später saßen sie alle zusammen am Raumhafen in einem abgesperrten Sektor der Abflughalle und warteten darauf, dass sie einzeln abgeholt wurden. Erst dann wurden den Soldaten die Ziele ihrer Reise genannt. Schließlich wurde Kabal aufgerufen, stand auf und ging langsam zum Abflugschalter.
„Dekurio Kabal, ehemals Artillerie. Er kommt nun zur Infanterie, Standardwache. Shreke Nummer 9 nach Remus.“
Remus. Ein Todesurteil. Immer wieder versuchten die Remaner die Besatzer zu vertreiben, was in blutigen Kämpfen endete, mit vielen Toten auf beiden Seiten.
„Bewegung, Dekurio“, grinste der Offizier am Schalter, „es gibt noch andere, die heute weg wollen.“
Remus. Die dunkle Hölle.





